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Das Dokt-Imperium

Zitadelle in den Bergen

Zu Beginn der Prime-Ära definierten die Dokts als Erste die Grenzen ihres neuen Staates. Dass das Imperium der Dokts offiziell erst nach der Gründung des Königreichs Adornia im Süden ausgerufen wurde, ist nur eine Fußnote in den offiziellen Chroniken.

Die nördliche Provinz des Laphite-Imperiums lag in einer bergigen Landschaft, die reich an natürlichen Ressourcen war. Die Handwerkskunst war hier gut entwickelt, es gab Manufakturen und man gründete Schulen, um das gesammelte Wissen an die neue Generation weiterzugeben. Der Imperator, der die Wissenschaften schon immer aktiv unterstützt und gefördert hatte, hatte dort einige Forschungslabore errichten lassen. Eines von ihnen, das Imperium-Observatorium, wurde in den ersten Tagen des Chaos zum Zufluchtsort vieler Menschen.

Der Statthalter der Nordprovinz, Leonard, kam als einer der Ersten dorthin – die Zitadelle schien die sicherste Zuflucht vor der plötzlichen Überschwemmung des Landes mit Prime zu sein. Doch unterwegs erlebte er eine schreckliche Tragödie: Bei einer Flussüberfahrt konnte sich seine Frau nicht auf dem Pferd halten, sie fiel in die zähe Prime-Substanz, mit der das Flussbett angefüllt war, und starb an den Folgen der Vergiftung. Der Verlust seiner Frau traf den Statthalter schwer. Den ganzen restlichen Weg dachte er über die Schutzlosigkeit des Menschen vor der Willkür der neuen Naturgewalt nach. Diese zu beherrschen schien ihm nun der einzige Sinn des Lebens zu sein.

Bei seiner Ankunft im Observatorium fasste Leonard neuen Lebensmut. Dass in diesen schlimmen Zeiten ausgerechnet ein Tempel der Wissenschaft ihm, seinen Söhnen und seinem Volk als Zuflucht diente, war für ihn ein eindeutiger Wink des Schicksals, der ihm die Richtung zu seinem neuen Ziel wies.

In der Tat, in dem allgemeinen Chaos und Schrecken halfen keine Emotionen. Die sachliche Wissenschaft, fernab konkreter menschlicher Schicksale, konnte in dieser Situation zumindest dem Intellekt eine neue Denkrichtung und der Seele eine neue Idee geben, nach der es sich zu streben lohnte. Unruhige Zeiten erfordern ein sicheres Fundament, und wissenschaftliche Erkenntnisse konnten in all diesem Chaos zu einer genauso festen Stütze werden wie die Festung des Observatoriums zwischen den tobenden Wellen des neuen Elements selbst. Dazu kam, dass erst vor einigen Jahren die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens als eine der Hauptaufgaben des Imperiums deklariert worden war. Die Rückkehr zu den nationalen Werten kann die Einigkeit der Menschen festigen und wird die Gesellschaft in Zeiten des Chaos zusammenhalten.

Noch am selben Abend hielt der Statthalter eine Rede an alle, die sich zu diesem Zeitpunkt im Observatorium befanden. Er rief die Menschen dazu auf, alle Energie auf die Erforschung der neuen Substanz und ihrer Auswirkungen auf die lebende und tote Materie zu lenken. Natürlich bestand das Hauptziel in der Suche nach einem Gegengift. Die, die nicht genug Wissen oder Intellekt hatten, um zu forschen, sollten widerspruchslos die alltäglichen Aspekte dieses „Gemeinschaftsgedankens“ sicherstellen. „In diesen schrecklichen Zeiten müssen wir uns darauf besinnen, wer wir sind und wie wir der Natur widerstehen können. Und dazu zählen ein aufgeweckter, wissbegieriger Intellekt und der Drang nach neuen Erkenntnissen eines jeden Bürgers des Imperiums", so beendete der Statthalter Leonard seine Rede.

Von den ersten Tagen der Prime-Ära an etablierten sich die Wissenschaftler des Imperiums als die höchste Kaste der neuen Gesellschaft. Als das Observatorium in den Bergen keinen Platz mehr für alle Flüchtlinge bieten konnte, wurden nur noch diejenigen eingelassen, die einen spürbaren Beitrag zu den Forschungsarbeiten leisten konnten. Man nannte diese Wissenschaftler nach dem Observatorium das „Imperium“. Die Erforschung des Prime um der Errettung vieler Leben willen war wichtiger als eine Unterbrechung der Forschungsarbeiten für die Rettung einzelner hinzunehmen – dieser unerschütterlichen Logik fügte sich die gesamte neue Gesellschaft, und niemand wagte es, sie zu kritisieren. Auch außerhalb der Mauern des Observatoriums. Alle warteten auf das Wort der Wissenschaft, auf die Ergebnisse der ersten Prime-Untersuchungen, auf Neuigkeiten, die ihnen zeigen sollten, wie man in dieser veränderten Welt weiterleben sollte.

Erste Erkenntnisse

Innerhalb weniger Monate hatten die Wissenschaftler zwei Nachrichten – „eine gute und eine schlechte“. Die höchste Priorität hatte nach dem Befehl des Statthalters die Erforschung der Gefahr für die Menschen, die vom Prime ausging. Die Forscher lieferten folgende Erkenntnis: Der Effekt der Prime-Auswirkung auf den lebenden Organismus kann nicht vorhergesagt werden, und ein Gegengift gibt es nicht. Und auch wenn eine Vergiftung mit dem Prime nicht ansteckend ist, so können die Folgen einer solchen Vergiftung gefährlich für die Gesellschaft sein – gerade wegen der unberechenbaren Natur des Prime.

Diese sachliche Erkenntnis der Wissenschaftler löste große Unruhe aus. Menschen begannen, ihren Mitbürgern, die mit dem Prime in Berührung gekommen waren, mit Misstrauen zu begegnen, und die Betroffenen konnten diese Feindseligkeit nicht ignorieren. Es kam zu Konflikten und Schlägereien, im Ergebnis wurden alle, die der Wirkung des Prime ausgesetzt waren, zu gefährlichen Mitgliedern der Gesellschaft erklärt, und bei Überschreitung eines bestimmten Prime-Grenzwertes im Körper aus den Siedlungen verbannt.

Solch drastische Maßnahmen hatten eine klare wissenschaftliche Grundlage: „Einzelne Opfer für die Rettung von vielen“ – doch nicht alle vertrauten der Logik. Besonders schwer waren diejenigen zu überzeugen, die eigene subjektive Gründe hatten, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu bestreiten. Sie verstanden die Notwendigkeit der Isolation gesunder Mitglieder der Gesellschaft von den Prime-Vergifteten nicht. Die Zahlen der Formeln sprachen dafür, dass wegen der klimatischen Besonderheiten der südlichen Provinz der Anteil des Prime dort äußerst hoch sein müsste, was bedeutete, dass ihre Bewohner sehr gefährlich waren. Darum befahl der Statthalter, die komplette Kommunikation mit der benachbarten Provinz und ihren Bewohnern einzustellen, um das Leben seiner Schutzbefohlenen zu retten. Freilich führte dieser Beschluss zu einer großen Anzahl von Opfern auf Seiten des künftigen Adornias, doch das war deren Problem.

Die zweite Entdeckung der Wissenschaftler wurde einige Monate später bekannt gegeben – und diese gute Nachricht brachte so viel freudige Begeisterung mit sich, dass sie alle Spannungen zwischen den Bewohnern vergessen ließ.

Es stellte sich heraus, dass die Wirkung des Prime auf tote Materie, im Gegensatz zur lebenden, strikten Gesetzmäßigkeiten unterliegt, und darum nicht nur vorhergesagt, sondern sogar geplant werden kann. Das Prime kann die Eigenschaften der Substanzen auf den verschiedensten Ebenen ändern, so dass man durch die Schaffung bestimmter Voraussetzungen für die Materie während der Prime-Einwirkung darauf die Ergebnisse ihrer Transformation steuern kann.

Die Hauptsache aber ist, dass das Prime theoretisch selbst die mächtigste Brennstoffressource darstellt, die absolut neue Horizonte in der Mechanik und den Technologien eröffnet. Sogar die oberflächlichsten Tests in dieser Richtung haben unglaubliche Ergebnisse gebracht. Bei genauer Erforschung und mit dem richtigen Ansatz könnte Prime alle bekannten Brennstoffe ersetzen und dabei ihre Effektivität um ein Mehrfaches steigern.

Das war eine wahrhaftig revolutionäre Entdeckung! Nun mussten alle Gesetzmäßigkeiten gründlich erforscht, alle Nuancen berücksichtigt und alle Arbeitsabläufe mit Prime dokumentiert werden. Und auch wenn der Arbeitsberg, der vor ihnen lag, schier unendlich schien, versprach die Belohnung genauso riesig zu sein – neue Technologien, die es nicht nur erträglich machten, sich mit dem Verlust der alten Welt abzufinden, sondern die Menschen auf eine neue Stufe der Entwicklung heben würden!

Leonard frohlockte. Von einem solchen Sieg über Prime – die gefährliche Substanz für den Menschen arbeiten zu lassen – hatte er nicht einmal zu träumen gewagt. Auch die anderen Bewohner des Imperiums jubelten und äußerten ihre Liebe und Ergebenheit für ihren Anführer in lauten Tönen, der sein Volk durch die Zeiten des Chaos und der Verzweiflung sicher zur Hoffnung und Wiedergeburt geführt hatte. Und diese mögliche Wiedergeburt verfestigte die Wissenschaft und ihre Methoden endgültig im Zentrum des Wertesystems des neuen Staates.

Etwa ein Jahr nach dem Kataklysmus wurden die Beziehungen zwischen den Provinzen wieder aufgenommen, doch die früheren nachbarlichen Bande ließen sich in der neuen Welt, der Welt des Prime, nicht mehr kitten. Beide Territorien riefen jeweils ihre Unabhängigkeit aus. Und als im Süden offiziell ein neuer Staat ausgerufen wurde – das souveräne Königreich Adornia – bestätigten die Bewohner der nördlichen Länder ihre Ergebenheit den alten politischen und sozialen Werten des Imperiums. Ihr Erbe sollte sich auch im Namen des neuen Staates widerspiegeln, indem sie sich das Imperium der Dokts nannten und Leonard zum ersten Imperator des neuen Staates erklärten.

Die Herausbildung des neuen Imperiums

Je tiefer die Wissenschaftler des Imperiums das Prime erforschten, desto mehr neue Fragen und Themen für weitere Untersuchungen kamen auf. Als Forschungsgegenstand kann das Prime schier unendlich sein, ebenso wie die in ihm verborgene Macht. Natürlich wuchs auch die Zahl der Forscher, Laboranten und Tester kontinuierlich an, man hatte alle herangezogen, die fähig waren, wissenschaftlich zu denken, und verteilte die Arbeit gemäß ihren Fähigkeiten.

Die Erforschung der geheimnisvollen Substanz erforderte Disziplin, einheitliche Verfahren sowie systematische Ansätze, und allmählich wurde auch der Alltag der Bürger davon beherrscht. Die Fähigkeit, seinen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten, wurde zum wichtigsten Merkmal eines „nützlichen“ Mitgliedes der Gesellschaft. Wer seine Zeit und die Ressourcen der Gemeinschaft auf belanglose Bereiche wie Musik, Literatur oder sonstige Geisteswissenschaften verschwendete, wer andere Mitglieder des Imperiums von ihrer Forschung abhielt, wer undiszipliniert war und sich nicht an die Regeln hielt, für den war kein Platz im Imperium.

In den ersten Jahren beschäftigten sich die Wissenschaftler gründlich mit den toxischen und mutagenen Eigenschaften des Prime und legten die Richtlinien sowie die zulässige Prime-Dosierung bei der Arbeit endgültig fest. Als Ergebnis begann man im Imperium, sich gegenüber Prime-Betroffenen entspannter zu verhalten – zumindest gegenüber denen, deren Werte innerhalb der von der Forschung definierten zulässigen Grenzen blieben.

Das andere Verdikt aus der Reihe der ersten Erkenntnisse – die äußerste Gefährlichkeit des Prime für lebende Organismen – blieb allerdings in Kraft. Die Wissenschaftler des Imperiums vermeiden bis heute jeglichen physischen Kontakt mit dem Prime, sie haben die Schutzanzüge mittlerweile vervollkommnet und halten sorgfältige Vorsichtsmaßnahmen bei der Arbeit mit der Substanz ein.

Im Übrigen schmälert eine solch vorsichtige Vorgehensweise den Höhenflug des Ingenieurgedankens keineswegs. Das Prime hat undenkbare Horizonte der technischen Möglichkeiten eröffnet, die dem Imperium immer neue Arten der Interaktion mit der Welt schenken. Die ganze Welt technisch vorhersagbar, komfortabel und verständlich zu machen, wie sie es damals beim Prime geschafft haben, das ist das aktuelle Ziel der Imperium-Wissenschaftler. Deshalb stellt das Prime für sie nicht nur ein sehr interessantes Forschungsobjekt dar, sondern auch das Hauptinstrument für das Erreichen des neuen Ziels. Indem sie das Prime erforschen, erforschen sie auch die physische Erscheinung, und mit der Verwendung von Prime erobern sie die äußere Welt. Und auch hier sind sie zu vielem bereit und fähig.

Für Waffen und Kriegsmaschinen verwendet das Imperium eine andere Art des Brennstoffs: Prime-Edelsteine, die künstlich in speziellen Bergwerken synthetisiert werden. Die Edelsteine akkumulieren die Prime-Eigenschaften in einem geringeren Umfang, haben jedoch höhere Kosten als die Erschließung eines gewöhnlichen Prime-Vorkommens. Darum ist dieser Brennstoff aus der rein wirtschaftlichen Sicht eher ungünstig, unter Kriegsbedingungen jedoch unbezahlbar.

Übrigens, zurzeit befindet sich das Dokt-Imperium im Friedenszustand. Natürlich gibt es regelmäßig Zusammenstöße in den Grenzgebieten des Landes, jedoch kann man dies eher als Amüsement der Lords ansehen denn als ernstzunehmende Gefechte.

Sowohl dem Imperium als auch den Bewahrern Adornias ist bewusst, dass sie neue Vorkommen des Prime brauchen und schon bald auf neutralem Gebiet miteinander darum kämpfen müssten. Doch nach der Schlacht im Nebelhain, die zum ersten dunklen Kapitel der Geschichte der neuen Welt seit den Zeiten des Kataklysmus wurde, möchte gegenwärtig keine der beiden Seiten einen offiziellen Krieg um das Prime erklären.

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