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Das Königreich Adornien

Schönheit rettet die Welt

Das Prime wird in den südlichen Gebieten als eine Gabe des Universums betrachtet, die eine neue Phase der Evolution ermöglichte. Ungeachtet der großen Opferzahl schreitet die Entwicklung der „Neuen Menschen“ unablässig voran.

Vor der Prime-Ära wurde die Provinz im Südosten von Gästen aus allen Winkeln des Imperiums besucht. Diese Region rühmte sich ihres warmen, sonnigen Klimas und ihrer wunderschönen Natur. Sie galt als beliebtes Erholungsgebiet, und hier wurden außerdem zahlreiche Feste und Open-Air-Veranstaltungen organisiert. Eins dieser Feste wurde kurz vor dem Kataklysmus veranstaltet, und viele kreative und schöpferische Menschen kamen zusammen, die nicht nur die umliegenden Gebiete bewohnten, sondern auch in der Nördlichen Provinz beheimatet waren. Damals ahnte niemand, dass sie nie zurückkehren würden ...

Als die Ströme des Prime die Welt verschlangen, befand sich die südliche Region vollständig in der Gewalt des neuen Elements. Da die südlichen Gebiete sich zumeist in einer Tiefebene befanden, sog der feuchte Sumpfboden das Prime schnell auf und war für lange Zeit getränkt von der gefährlichen Substanz. Die Zahl der Menschen, die einer Vergiftung durch das Prime zum Opfer fielen, war unvorstellbar. Der düstere Anblick toter Wälder trat an die Stelle der einst so wundervollen Landschaften. Viele von jenen, die die ersten Tage des Kataklysmus überlebt hatten, begaben sich in die Berge, da sie sich von ihren nördlichen Nachbarn Hilfe und Mitgefühl erhofften.

Doch jede Karawane, die gen Norden loszog, nährte die unheilvolle Vorahnung der Verbliebenen. Das Prime war bereits in den Stoffwechsel der Bevölkerung im Süden eingedrungen und steigerte ihre Intuition, kreativen Fähigkeiten und Wahrnehmung. Leider wusste das damals noch niemand. Viele blieben einfach in ihrer Heimat, begründeten ihre Entscheidung mit diesen und jenen Argumenten und versuchten, alle, die ihnen teuer waren, von dieser beängstigenden Reise ins Ungewisse abzuhalten.

Auch Amagatu, ein junger Architekt aus dem Süden, ahnte, dass der Norden den Menschen keine Erleichterung von der Katastrophe bringen, sondern ihnen noch weitere Leiden auferlegen würde. Doch die Familie der jungen Frau, in die er verliebt war, hörte nicht auf seine warnenden Worte. Das Oberhaupt der Familie war ein eher rationaler Mensch, der sich nicht von Emotionen leiten ließ; und die Stimme seiner Vernunft riet ihm, Verwandte im Norden um Hilfe zu ersuchen. „Sieh nur, was aus unserer Heimat geworden ist“, wies er auf die verunstalteten Bäume in dem leeren Ödland. „Hier gibt es keine Gegenwart und keine Zukunft. In diesen Gebieten wird es nie mehr Leben geben. Wir müssen ein neues Zuhause suchen. Morgen ziehen wir los.“

Verzweifelt ging Amagatu die ganze Nacht lang vor dem Haus der jungen Frau auf und ab, dazu entschlossen, eine Möglichkeit zu finden, sie und ihre Familie zum Bleiben zu bewegen. Als die Sonne aufging, sahen alle etwas völlig Unglaubliches: Mitten auf der vom Prime verseuchten Erde stand ein herrlicher Garten mit blühenden Beeten, Obstbäumen und arabesken Brücken, die über sprudelnde Bäche führten. Und in einem wunderschönen Pavillon mit filigranen Verzierungen schlief völlig entkräftet der junge Architekt. In dieser Nacht hatte er mehr erreicht, als nur seine Liebe und ihre Familie vor dem sicheren Untergang zu bewahren. Er hatte mithilfe seines von Gefühlen erfüllten Herzens den Weg zu einer neuen magischen Kraft geebnet, die den Menschen in den südlichen Gebieten nun zur Verfügung stand.

Die Neuen Menschen

Die Menschen im Süden, die den Kataklysmus überlebt hatten, entdeckten ihre neuen und wundersamen Fähigkeiten. Die Magie, die sie nun nutzen konnten, gab ihnen die Fähigkeit, Materie mithilfe ihrer Emotionen und ihrer Vorstellungskraft umzugestalten. Und es ist wirklich eine Umgestaltung: Ein Schmied aus dem Süden kann kein Schwert aus der Luft heraus „schmieden“ – aber er kann es aus einem Stück Metall zaubern. Je stärker die Emotionen sind, desto mächtiger ist die Magie.

Aus eben diesem Grund hatten die Menschen, denen eine schöpferische Kraft innewohnte, so früh die Gefahr gespürt, die von den Rettungsversuchen in den schneebedeckten Gipfeln des Nordens ausging – selbst diejenigen, für die das eine Rückkehr in ihre Heimat darstellte. Denn Kreativität begründet sich in erster Linie auf Emotionen, auf Inspiration und der Wahrnehmung des „Hier und Jetzt“. Und das Prime verstärkte all diese angeborenen Fähigkeiten um ein Vielfaches, indem es intuitive Wahrnehmungen entwickelte und völlig neue Arten der Schöpfung erschloss.

Dennoch reicht für ein hochwertiges Wunder eine bloße Eingebung häufig nicht aus: Man muss auch eine genaue Vorstellung davon haben, wie das Ergebnis beschaffen sein soll – samt allen Details und ihren Wechselwirkungen. Das bewiesen die ersten Versuche der Bewahrer, unter Verwendung der neuen Magie ihre Häuser umzugestalten. Von außen war fast jedes Haus ein einzigartiges Kunstwerk, doch im Innern zeigten sich unzählige Probleme: Dem einen fehlten die Treppen, bei dem anderen regnete es herein, und ein Schöpfer vergaß vollends, sein Zuhause mit so wichtigen Elementen wie Türen und Fenstern auszustatten. Natürlich entstehen zuweilen auch ohne Erfahrung und Wissen des Schöpfers richtige Meisterwerke, doch das waren glückliche Zufälle. Die neue Magie benötigte methodische Grundlagen, damit ihre praktische Anwendung gelingen konnte.

Deshalb mussten die Menschen in der neuen Welt zunächst Kenntnisse über das Wesen aller Gegenstände und Lebewesen erwerben, bevor sie ihr Potenzial vollends entfalten konnten. Das hätte Jahrzehnte in Anspruch nehmen können, doch auch in dieser Hinsicht half das Prime den Bewahrern. Seine Konzentration war im Süden so hoch, und es hatte sich dermaßen mit den Organismen der lokalen Siedler verbunden, dass sie das Wesen der Objekte ohne Studium begreifen konnten. Das Prime eröffnete sich ihnen als Teil der äußeren Welt und gleichzeitig auch als Teil der inneren Essenz des Menschen – es stellte eine intuitive Verbindung zwischen ihrem inneren und ihrem äußeren Kosmos her. Als Folge erkannten die Menschen das Prime als Teil ihrer selbst, als Teil der Welt und des Weltraums. Sie lernten, die Eingebung, die sie für ihre „Schöpfung durch Leidenschaft“ benötigten, von der Natur selbst zu beziehen.

Eine nicht unerhebliche Rolle für die neue Gesellschaft spielte weiterhin Amagatu. Sein herrlicher Garten wurde zur Quintessenz einer neuen Schöpfungsrichtung in der Welt des Prime. Darin verflochten sich das Talent und das Wissen des Architekten mit der Inspiration und der Schönheit der Natur und manifestierten sich in all ihrer Vollkommenheit. Menschen besuchten den Garten nicht nur, um sich an seiner Schönheit zu erfreuen und sich inspirieren zu lassen, sondern auch, um den Meister höchstpersönlich sprechen zu hören. Amagatu teilte mit Begeisterung seine gewonnene Erfahrung und sein Wissen mit seinen Landsleuten. Er lehrte sie, „dem Prime zuzuhören“ und sein Talent durch ständige Übung zu entwickeln, sich von der Natur inspirieren zu lassen und seine Fähigkeiten unermüdlich zu vervollkommnen. Er hielt Vorlesungen über das Zeichnen und über die Architektur und inspirierte seine Schüler, jedes Phänomen auf dieser Welt stets neu zu betrachten, da sich in jedem einzelnen wahre Schönheit verbarg. Und das Wichtigste: Er schenkte den Menschen die Überzeugung, dass jeder einzelne von ihnen ein großer Meister werden konnte, wenn er nur seine Talente auf die richtige Art und Weise trainierte und entwickelte. „Die Menschen setzen sich selbst die Grenzen ihrer Möglichkeiten“, lehrte Amagatu sie. „Aber nun ist das Prime in unsere Welt gelangt und wird uns dabei helfen, diese Grenzen niederzureißen und uns dessen bewusst zu werden, dass in Wirklichkeit nichts unmöglich ist. Man kann in jede Höhe aufsteigen, wenn man nur bereit ist, den Gipfel selbständig zu erklimmen.“

Die neuen, unglaublichen Möglichkeiten, die das Prime mit sich brachte, wurden als ein neuer Zweig der Evolution aufgefasst, als eine globale Transformation der Menschen in „neue Menschen“ mithilfe äußerer Einflüsse. Und als man ein Jahr nach dem Kataklysmus die Verbindungen zwischen den Provinzen wieder aufnahm, erfuhren die Menschen im Osten, dass nur sie zu Schöpfungen mithilfe des Prime in der Lage waren. Sie begriffen, dass nicht alle diesen nächsten Schritt in der Evolution gemacht hatten.

Sie erfuhren auch von der Grausamkeit und Kaltblütigkeit der Menschen im Norden und von dem traurigen Schicksal der Flüchtlinge aus dem Süden, die auf fremden Boden an Hunger, Durst und ihren Verletzungen gestorben waren. Erschüttert sagten sich die „neuen Menschen“ von ihren ehemaligen Nachbarn los und riefen die Unabhängigkeit ihrer Provinz aus. Etwas später wandten sie sich endgültig von der Vergangenheit ab und verkündeten die Gründung ihres eigenen souveränen Staates: des Königreichs Adornia. Sie nannten sich selbst „Bewahrer“ oder die „Bewahrer Adornias“, zumal es ihnen gelungen war, die Schönheit ihrer Gebiete wiederherzustellen und die Kraft des inneren Geistes zu bewahren – und diese Errungenschaften würden sie, wenn nötig, durch alle neuen Herausforderungen tragen. Und schließlich wurde als wichtigstes Gut des neuen Königreichs die schöpferische Freiheit in all ihren Formen proklamiert.

Aufstieg des Königreichs Adornia

Zum Haupt des Landes wurde der Statthalter der ehemaligen südlichen Provinz gewählt. Eigentlich wurde diese Position Amagatu angeboten, doch dieser wies sie bescheiden zurück. Allerdings sollte auch die Kreativität als solche einen gebührenden Platz im neuen Staat erhalten. Deshalb wurde dem König als oberstem Herrscher das höchste Regierungsgremium zur Seite gestellt – der Runde Tisch. Er versammelte die größten Meister aus allen Bereichen der Kunst, darunter auch der Kampfkunst und Pseudowissenschaften, und derjenige unter ihnen, der den größten Respekt genoss, stand dem Runden Tisch vor. So wurde Amagatu zum ersten Großen Meister von Adornien.

Zur Triebfeder des neuen Reiches wurde das beständige Streben nach der Entfachung von Emotionen, nach der Intensivierung von Inspiration und Kreativität. Aus eben diesem Grund ist Adornia ein Königreich und die Gesellschaft der Adornier aristokratisch: In solchen Strukturen lodern die Leidenschaften und gedeihen die Künste umso mehr. Doch gleichzeitig blieb die Freiheit das grundsätzliche Postulat des Reiches, was sich auch in der Gesellschaftsstruktur widerspiegelte. König oder Königin von Adornia zu sein, ist keine vorbestimmte Verpflichtung, sondern eine Wahlposition mit einer Herrschaftszeit von 16 Jahren. Im gleichen Sinne beruht die adornische Aristokratie nicht auf Geburtsrecht, sondern nimmt immer wieder talentierte Schüler aller Schichten auf, die von ihren Meistern ausgesucht werden.

Die gesamte Gesellschaftsstruktur ist der Kreativität, der Meisterschaft, dem Handwerk gewidmet – das gilt sogar für den Aufbau der Familie. Wie auch in anderen Sphären der Gesellschaft hat hier die Entfaltung der kreativen Talente jedes Individuums höchste Priorität, nicht aber Blutsbande oder sonstige Zufälligkeiten. Den Vater ersetzt der Meister: Sobald sich die individuellen Fähigkeiten eines adornischen Kindes zu zeigen beginnen, wird es bei einem entsprechenden Mentor in die Lehre geschickt. Später erben die Schüler die Rechte und das Eigentum ihres Meisters, nicht ihrer leiblichen Eltern.

Auch die Institution der Ehe wurde als Rudiment des „alten Menschen“ verachtet und abgeschafft – denn der Versuch, die Liebe zu erhalten, indem man ihr irgendwelche Bestimmungen und Verpflichtungen anheftete, war einfach banal und unsinnig. Die Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen sollen inspirieren und nicht ersticken – und lodernde Leidenschaft, die nur einige Tage lang dauert, kann den Menschen zuweilen nicht weniger beflügeln als jahrelange Partnerschaft. Leben im Hier und Jetzt und jeden Moment des Seins in seiner Ganzheit erfassen – das ist das Hauptprinzip der Adornier, welches sie sowohl in ihrer Kreativität als auch im alltäglichen Leben befolgen.

Die Weltanschauung der Bewahrer gründet auf der stetigen Vervollkommnung des Individuums auf dem Weg zur höchsten Meisterschaft. Die Adornier glauben, dass das Prime ein besonderer Zustand der lebenden Welt sei, ein neuer Zweig in ihrer Entwicklung, in dem ihnen, den „neuen Menschen“, die Möglichkeit dargeboten wird, über Kreativität und Selbstverwirklichung ihren „gebührenden Platz“ einzunehmen. Dabei ist ihnen weniger die Bewertung durch Dritte wichtig als vielmehr die Entwicklung ihrer eigenen Talente – und natürlich die pure Freude an der Schöpfung.

Bei ihrer „Schöpfung durch Leidenschaft“ verwenden sie das Prime als innere Ressource, als wichtigstes Glied zwischen der bloßen Idee und ihrer materiellen Manifestation. Auch jetzt ist die Konzentration des Prime in den südlichen Regionen sehr hoch, doch insgesamt sind die Bewahrer von einer viel größeren Prime-Menge abhängig als die Bewohner anderer Gebiete. Deshalb sind die Plätze, an denen in adornischen Städten Versammlungen stattfinden oder an denen Menschen gerne spazieren gehen, mit Prime-Brunnen geschmückt, und jedes Haus besitzt einen speziellen Vorratsspeicher für das Prime.

Für Feldarbeiten oder Kriegszustände haben die Bewahrer eine besondere Methode der Prime-Konzentration entwickelt, und auch in diesem Fall haben sie sich an der Natur orientiert. Die Bewahrer erschaffen mit Geduld und Hingabe wundervolle Seen, in denen sich das Prime in feste Kristalle verwandelt. Allerdings nimmt diese Methode viel Zeit und Kraft in Anspruch, und deshalb ist Adornia inzwischen auf der Suche nach neuen Prime-Quellen.

Man darf sich jedoch nicht durch die Kreativität und Schöpfungskraft der Bewahrer zum Glauben verleiten lassen, dass sie nicht in der Lage seien, sich selbst zu verteidigen. „Zu lieben, was dich inspiriert“ kann auch verstanden werden als „zu hassen, was den Schöpfungsprozess behindert“. Seit der Entstehung ihres Königreiches waren die Bewahrer sich dessen bewusst, dass sie einen gefährlichen und engstirnigen Feind bekommen hatten – einen grausamen Gegner ganz in ihrer Nähe, der die schlimmsten Ideen aus dem Erbe der alten Welt übernommen hatte. Sie wussten auch, dass ihre gegenläufigen Interessen sich früher oder später kreuzen würden und dass ein neuer blutiger Krieg nicht zu vermeiden war. Doch die Bewahrer von Adornia sind vorbereitet auf diesen Krieg.

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